Mittel und Zweck

„Das Leben der Menschen ist gespalten in ein Dasein als Mittel – Arbeit oder Job genannt, worin fremde, nicht selbst gesetzte Zwecke regieren – und ein Dasein als Selbstzweck, ein schrumpfender Freiraum, worin man die Freiheit der Wahl als Konsument im Rahmen des Entgelts für Mitteldienste realisieren darf. Was dabei konsumiert wird, ist in seiner Herkunft völlig der eigenen Lebenswelt entfremdet; es sind spezialisierte Andere, die dafür sorgen: Vom chinesischen Produzenten bis zum europäischen Marketing-Direktor, der Produkt- und Werbepläne steuert. Ein Arbeiter mag für seine Rente in einen Anlagefond investieren, der eine Private-Equitiy-Firma finanziert, die das Unternehmen, in dem er sein Geld verdient, aufkauft und ihn dann entlässt. Eine Familie neben einem Kernkraftwerk mag die Betreiberfirma wegen eines Leukämieverdachts verklagen, während dieselbe Familie Strom von eben diesem Kernkraftwerk bezieht. Wir bewegen uns in einer Welt der Mittel, deren Zuordnung zu Zwecken völlig aus dem Blick geraten oder hinter einem dichten Geldschleier verborgen ist.“

Karl-Heinz Brodbeck, „Zweckmäßige Täuschungen – zur Philosophie der Katastrophe“