Entlarvung von Denkfiguren durch Simulation

„… zuallererst sind die System Dynamics eine Kränkung: die Erkenntnis, dass unsere gesellschaftlichen Systeme psychologischer Natur sind, dabei zutiefst irrational, wankelmütig, und dass vieles von dem, was unserer Individualität schmeichelt, nichts anderes ist als Lemmingverhalten.

Die Ursache dieses Paradoxons liegt nicht in der Methode, sondern in jenem magischen Verständnis, das wir dem Computer entgegenbringen. Nur weil wir der Vorstellung erliegen, dass eine Simulation eine eigene, neue und bessere Welt hervorbringen soll, verliert man sich in den selbstgeschaffenen Wunschgebilden.“

Martin Burckhardt in einem Artikel über Jay W. Forrester in der FAZ vom 22.2.2016, S. 13.

Systemischer Wahnsinn des Geldsystems

„Während der Liberalismus noch ein einigermaßen durchdachtes Konzept der menschlichen Freiheit und ihrer zwingenden Begrenzung war, ist der Neoliberalismus nur noch eine oberflächliche Rechtfertigung, Begrenzungen niederzureißen und damit auch die menschliche wie soziale Freiheit zu zerstören. Bei Lichte besehen geht es im Neoliberalismus bloß um die Freiheit des nimmersatten Kapitals, nicht um jene des Menschen. Die Konsequenzen sind menschenverachtend.“

Christoph Pfluger im Interview mit Jens Wernicke über sein Buch Das nächste Geld

Leere Unendlichkeit des Mehr

„Was mit leuchtenden Augen als Fortschritt und Modernisierung gepriesen wurde, war stets nur die verlockende Vorderseite eines Prozesses, dessen Rückseite aufgrund der dem Geld zugrunde liegenden abstrakten Gleichgültigkeit sich als Destruktion bewährt. Der monetäre Zugriff auf die Natur ist der wohl langfristig verhängnisvollste Aspekt dieses Prozesses, denn die Logik des Geldes kennt keine Grenze. Sie strebt nach einer leeren Unendlichkeit des Mehr durch die Institutionalisierung der Geldgier im Finanzsystem, in den Unternehmen, in Ausbildung und den Medien. Die Natur ist aber nur Natur durch ihre Form, also ihre Grenzen. … Ein Ausweg besteht nicht im erweiterten technischen Zugriff, in der Substitution der sich erschöpfenden Rohstoffe durch andere – für Wasser, saubere Luft, das Klimasystem und den Kreislauf im Meer gibt es keine Substitute –, sondern nur in einer neuen Bescheidenheit. Der Ausweg besteht im Zurückdrängen der Ratio, nicht in ihrer weiteren Expansion auf dem Rücken der Geldakkumulation.“

Karl-Heinz Brodbeck, „Geld und Sprache: Der innere Widerstreit in der Modernisierung“ (2011)

Natur – Schuld – Geld

„Ich glaube, die unbewusste Fantasie vieler Menschen ist: Wir müssen die Natur ersetzen und eine bessere, menschengemachte Natur herstellen. Und je mehr Geld wir haben, desto näher glauben wir diesem Ziel zu kommen. Die Geschichte des Opferkults zeigt, dass Menschen ihre Schuld an der Natur durch die Vermehrung von Geld zu tilgen versuchen. Sie denken: Fabriziere ich erst mal meine eigene Natur, stellt sich die Schuldfrage nicht mehr. In der Realität wird die Schuld aber immer größer – und die Natur wehrt sich natürlich.“

Christina von Braun, chrismon 07.2014, S. 33

Rationale Normierung

„Doch das Problem ist, dass die Theorie [der rationalen Entscheidung] nicht nur Handeln beschreibt, sondern Handeln erzwingt. Sie postuliert nicht nur Egoisten, sie produziert sie.“

„Viele Jahrzehnte später ist diese Rationalität im Inneren der Zivilgesellschaft angekommen. Jetzt drohen spieltheoretisch versierte Banken damit, dass ihr Untergang, wenn sie nicht „gerettet“ werden, zum Untergang des gesamten Finanzsystems wird. Die Botschaft lautet in einer atemberaubenden Umkehrung moralischer Verantwortlichkeit: Rettet uns, damit ihr euch nutzt.

Jetzt kann die Frage, ob ein Land wie Griechenland ökonomisch die Euro-Zone verlassen sollte, nicht mehr gestellt werden, ohne dass der Zusammenbruch des gesamten Systems an die Wand gemalt wird.“

Frank Schirrmacher (1959-2014), Ego: Das Spiel des Lebens, München: Karl Blessing, 2013, S. 68 + 69.

Bildung gemäß Pisa

„Lehrer und Schüler spüren längst die Konsequenz, dass sich Pädagogik aus den Schulen verflüchtigt und der Herrschaft des distanzierten Diagnostizierens und Evaluierens Raum gibt. Die zwischengeschaltete Scheinwelt der Pisa-Messung entfremdet sie von den eigenen kulturellen Wurzeln und zerstört die zwischenmenschliche Basis des pädagogischen Geschehens. Die unmittelbaren Erfahrungen der pädagogischen Praxis verlieren an Bedeutung für die Gestaltung von Bildung, eben weil die Aufmerksamkeit von Politik, Öffentlichkeit und auch Erziehungswissenschaften auf statistische Scheinwelten gebannt bleibt. Die Kunst, über inszenierte Scheinwelten die öffentliche Meinung zu beeinflussen, nannte Edward Bernays, der Erfinder moderner PR, noch bei ihrem ursprünglichen Namen: Propaganda.“

Silja Graupe und Jochen Krautz in der FAZ vom 6.12.2013, S. 7

Mittel und Zweck

„Das Leben der Menschen ist gespalten in ein Dasein als Mittel – Arbeit oder Job genannt, worin fremde, nicht selbst gesetzte Zwecke regieren – und ein Dasein als Selbstzweck, ein schrumpfender Freiraum, worin man die Freiheit der Wahl als Konsument im Rahmen des Entgelts für Mitteldienste realisieren darf. Was dabei konsumiert wird, ist in seiner Herkunft völlig der eigenen Lebenswelt entfremdet; es sind spezialisierte Andere, die dafür sorgen: Vom chinesischen Produzenten bis zum europäischen Marketing-Direktor, der Produkt- und Werbepläne steuert. Ein Arbeiter mag für seine Rente in einen Anlagefond investieren, der eine Private-Equitiy-Firma finanziert, die das Unternehmen, in dem er sein Geld verdient, aufkauft und ihn dann entlässt. Eine Familie neben einem Kernkraftwerk mag die Betreiberfirma wegen eines Leukämieverdachts verklagen, während dieselbe Familie Strom von eben diesem Kernkraftwerk bezieht. Wir bewegen uns in einer Welt der Mittel, deren Zuordnung zu Zwecken völlig aus dem Blick geraten oder hinter einem dichten Geldschleier verborgen ist.“

Karl-Heinz Brodbeck, „Zweckmäßige Täuschungen – zur Philosophie der Katastrophe“

Schneeballsystem der Wachstumsspirale

„Bei Licht betrachtet ist die Wachstumsspirale der Wirtschaft ein sogenanntes Schneeballsystem, das darauf beruht, dass die Gewinnauszahlungen an frühere Investoren aus den Einzahlungen neuer Investoren gespeist werden. Man zahlt alte Schulden mit neuen Schulden. Im Unterschied allerdings zu einem Schneeballsystem, wie es immer wieder durch betrügerische Kettenbriefaktionen lanciert wird, entstehen im gesamtwirtschaftlichen Schneeballsystem der Wachstumsspirale reale Gewinne und Einkommenszuwächse, weil die Natur gezwungen wird, mitzuspielen, denn die Rohstoffe und Energieträger können der Natur entnommen werden, ohne dass der Eigentümer des Ressourcenvorrats der Natur etwas dafür bezahlen muss. Der Verbrauch der Natur ist gratis. Dies kommt einer Verschuldung gegenüber der Natur gleich, die man nicht begleichen muss. Das macht es lukrativ, sich möglichst viel Ressourcen der Natur anzueignen und rentabel zu verwerten; denn es entstehen selbstverständlich dort die größeren Gewinne, wo man etwas verkaufen kann, das man nicht gekauft hat, das man einfach ohne Bezahlung in Besitz nehmen konnte.“

Hans Christoph Binswanger, „Die Ruhe in der Wirtschaft“, Aufgang 8 (2011), S. 189.

Selbsterfahrung statt Konsum

„Die Selbstgestaltung des Lebens aus dem kreativen Potential der Menschen wird durch die Märkte zerrissen; das Handeln und die Produkte des Handelns (die Konsumgüter) werden in fremde Lebensbereiche verwandelt. Die darin liegende Effizienzsteigerung durch die Arbeitsteilung zieht zugleich die Entfremdung der Menschen von ihren eigenen Möglichkeiten nach sich. Die menschliche Kreativität wird durch die Ökonomie völlig funktionalisiert und in einen bloßen „Erfolgsfaktor“ verwandelt. Die Kreativität der Selbsterfahrung und Selbstgestaltung wird im ökonomischen Betrachtungshorizont ausgeklammert.“

Karl-Heinz Brodbeck, Buddhistische Wirtschaftsethik, 2002, S. 86.

Die Politiker sind das systemische Risiko

Europäische „Führer“ unterliegen der Illusion – oder geben das vor -, dass sie zur Rettung ihrer Ökonomie Lastwagenladungen von Steuergeldern berappen müssen, um damit genau die Institutionen zu erhalten, die die Hauptbeteiligten an der Erzeugung der Krise sind. Das Argument, das zur Verteidigung dieser politischen Maßnahme benutzt wird, wird mit dem Begriff „systemisches Risiko“ bemäntelt.

Das ist jedoch ein falsches Argument, wenn man nur für ein oder zwei Sekunden darüber nachdenkt.

Das Hauptrisiko, das tatsächliche und größte Risiko liegt nicht im Bankensystem oder dem ökonomischen System. Es ist das politische System. Und keines von beiden kann oder wird letzten Endes gerettet werden.

Dadurch dass Politiker auf der ganzen Welt nach der Prämisse agieren, ihr Überleben zu sichern, indem sie die Wiege der Bankenherde nicht zu stark schaukeln, erhalten sie eine weitere Runde von Ausgaben und regieren eine weitere Periode. Und eine weitere. Die meisten von ihnen sind ratlos, wenn es um das Feld geht, das sie eigentlich beaufsichtigen und regulieren sollen. Und die einzigen Leute, die ihnen das Wie und Was benennen können, sind die Lobbyisten, die für genau die Gruppen arbeiten, für deren Regulierung sie da sind.

Das ist das wirkliche systemische Risiko. In einer Form, die Sie selbst betreffen wird. Das politische System gegen das ökonomische System. Und es ist schwierig geworden, sie noch auseinander zu halten, weil sie dem selben Zweck dienen.

Ilargi im Weblog von Automatic Earth (meine Übersetzung)