Geschichte

Entwicklungsgeschichte

Vorgeschichte unseres Verständnisses von Dialog

Unser modernes Verständnis von Dialog ist vor allem durch zwei Denker des letzten Jahrhunderts entscheidend geprägt worden: Martin Buber und David Bohm. Während Martin Buber in der Ich-Du-Beziehung die wesentliche Erfüllung personaler Existenz sah, wurde für David Bohm zur zentralen Frage, wie gemeinsames Denken in einer Gruppe entstehen kann. Wir wollen beide kurz mit eigenen Worten sich vorstellen lassen.

Martin Buber
Martin Buber

Martin Buber (1878-1965)

Jüdischer Religionsphilosoph und Pädagoge

„Wenn ich statt des zu Sagenden mich anschicke, ein zur Geltung kommendes Ich vernehmen zu lassen, habe ich unwiederbringlich verfehlt, was ich zu sagen gehabt hätte, fehlbehaftet tritt es [das Ich] ins Gespräch, und das Gespräch wird fehlbehaftet. Wo aber ein Gespräch sich in seinem Wesen erfüllt zwischen Partnern, die sich einander in Wahrheit zugewandt haben, sich rückhaltlos äußern und vom Scheinenwollen frei sind, vollzieht sich eine denkwürdige, sonst sich nirgendwo einstellende, gemeinschaftliche Fruchbarkeit. Das Wort entsteht Mal um Mal substantiell zwischen den Menschen, die von der Dynamik eines elementaren Mitsammenseins in ihrer Tiefe ergriffen und erschlossen werden. Das Zwischenmenschliche erschließt das sonst Unerschlossene.“ (Das dialogische Prinzip)

„Wie die sprachliche Rede wohl erst im Gehirn des Menschen sich worten, dann in seiner Kehle sich lauten mag, beides aber sind nur Brechungen des wahren Vorgangs, in Wahrheit nämlich steckt die Sprache nicht im Menschen, sondern der Mensch steht in der Sprache und redet aus ihr, so alles Wort, so aller Geist. Geist ist nicht im Ich, sondern zwischen Ich und Du. Er ist nicht wie das Blut, das in dir kreist, sondern wie die Luft, in der du atmest. Der Mensch lebt im Geist, wenn er seinem Du zu antworten vermag. Er vermag es, wenn er in der Beziehung mit seinem ganzen Wesen eintritt. Vermöge seiner Beziehungskraft allein vermag der Mensch im Geist zu leben.“ (Ich und Du)

„Sodann aber verlangt es einen Mal um Mal, seinem Mitmenschen zu danken, selbst wenn er nichts Besonderes für einen getan hat. Wofür denn? Dafür, daß er mir, wenn er mir begegnete, wirklich begegnet ist; daß er die Augen auftat und mich mit keinem anderen verwechselte; daß er die Ohren auftat und zuverlässig vernahm, was ich ihm zu sagen hatte; ja, daß er das auftat, was ich recht eigentlich anredete, das wohlverschlossene Herz.“ (Nachlese)

Davi Bohm
David Bohm

David Bohm (1917-1992)

Amerikanischer Quantenphysiker

„Wir schlagen vor, gemeinsam zu erkunden, was jeder von uns sagt, denkt, fühlt, die tieferliegenden Beweggründe, Annahmen und Glaubenssätze, die dieses Sagen, Denken, Fühlen bestimmen.“

„In einem Dialog versuchen also die Gesprächsteilnehmer nicht, einander gewisse Ideen oder Informationen mitzuteilen, die ihnen bereits bekannt sind. Vielmehr könnte man sagen, daß die beiden etwas gemeinsam machen, d. h., daß sie zusammen etwas Neues schaffen. … Aber natürlich kann eine solche Kommunikation nur dann zur Schaffung von etwas Neuem führen, wenn die Gesprächsteilnehmer in der Lage sind, einander uneingeschränkt und vorurteilsfrei zuzuhören, ohne zu versuchen, sich gegenseitig zu beeinflussen … Wenn jedoch zwei Menschen einander nur bestimmte Vorstellungen oder Ansichten mitteilen wollen, als handele es sich dabei um Informationen, werden sie kaum zueinander kommen. Denn ein jeder wird den anderen nur durch den Schutzschild seiner eigenen Gedanken hören, an denen er festhält und die er verteidigt, ob sie nun wahr oder kohärent sind oder nicht.“

„In einer Dialoggruppe werden wir nicht entscheiden, was in irgendeiner Sache zu tun ist … sonst sind wir nicht frei. Wir müssen einen leeren Raum haben, wo wir nicht verpflichtet sind, etwas zu tun, zu irgendwelchen Schlüssen zu kommen, etwas zu sagen oder nicht zu sagen. Der Dialog bleibt offen und frei, ein leerer Raum.“

„Der Sinn des Dialogs ist nicht, etwas zu analysieren, eine Auseinandersetzung zu gewinnen oder Meinungen auszutauschen. Das Ziel ist vielmehr, die eigenen Meinungen in der Schwebe zu halten und sie zu überprüfen, sich die Ansichten aller anderen Teilnehmer anzuhören, sie in der Schwebe zu halten und zu sehen, welchen Sinn sie haben. Wenn wir erkennen können, welchen Sinn alle unsere Meinungen haben, teilen wir einen gemeinsamen Gedankeninhalt, selbst wenn wir nicht völlig übereinstimmen.“ (Der Dialog)