Sachzwänge = selbst gesetzte Denkzwänge

FAZ: Ist es rücksichtslos, wenn ein Bankmanager 25 Prozent Rendite für sein Institut vorgibt?

Ulrich: Ich halte dieses Ziel in der Tat für angreifbar. Zum Minimalbestand an Einsichten gehört doch, dass ein maßloses Renditestreben eine wesentliche mentale Ursache des Schlamassels ist. Insofern ist es ein fatales Signal, wenn bereits wieder Zahlen wie 25 Prozent Rendite als verbindliche einzige Zielgröße des angestrebten Unternehmenserfolgs ausgegeben werden. Das spricht dafür, dass ein Umdenken nicht stattgefunden hat.

FAZ: Müssen Manager – auch ihre Familien wollen schließlich ernährt werden – nicht hohe Gewinne anstreben, weil die Eigentümer sie sonst vor die Tür setzen?

Ulrich: Genau das nenne ich „Sachzwangrhetorik“. Es ist doch seltsam: Dieselben Leute, die uns in Sonntagsreden weismachen wollen, dass der Markt der Inbegriff der Freiheit ist, reden ständig in diesem Modus des Müssens – irgendjemand, meist die anonyme Konkurrenz, zwinge sie zu diesem oder jenem.

FAZ: Aber dieser Wettbewerbsdruck ist doch nicht eingebildet.

Ulrich: Das nicht, aber hinter den Sachzwängen stehen selbst gesetzte Denkzwänge! Es ist die Gewinnmaximierungsdoktrin selbst, die letztlich den Zwang zu rücksichtslosem Wirtschaften erzeugt. Von echten Führungskräften dürfen wir Bürger mehr erwarten.

FAZ: Nämlich?

Ulrich: An die Spitze einflussreicher Unternehmen gehören Leute, die glaubwürdig sind, weil sie integer sind und ihr Wirtschaftsdenken nicht von ihrem Selbstverständnis als anständige Bürger abspalten.

FAZ: Was würden die besser machen?

Ulrich: Sie würden niemals nur von Rendite reden, sondern immer zugleich von sich selbst verlangen, allen Anspruchsberechtigten, und damit nicht nur den Eigentümern, in fairer Weise zu dienen.

FAZ: Brauchen wir dafür nicht auch bessere Anreizstrukturen, die so ein Verhalten erst möglich machen?

Ulrich: Das deterministische Denken in Anreizstrukturen ist selbst schon ein Problem. Gedanklich werden wir alle dadurch zu Marionetten degradiert. Dann bräuchte man keine teuren Führungskräfte, weil sie fast nichts mehr zu entscheiden und zu begründen hätten. So ist es natürlich nicht.“

FAZ-Interview mit dem St. Galler Wirtschaftsethiker Prof. Peter Ulrich